Wiedereröffnung: Die ganze Welt unter einem Dach – Das Hessische Landesmuseum Darmstadt startet ins 21. Jahrhundert


11. September 2014 - 08:37 | von | Kategorie: Kultur | Artikel drucken
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Hessisches LandesmuseumMit einem Festakt eröffnen Ministerpräsident Volker Bouffier und Minister Boris Rhein am 11. September 2014 das Hessische Landesmuseum Darmstadt. Ab dem 13. September 2014 ist die Öffentlichkeit eingeladen, das Haus, das nun glanzvoll erstrahlt, zu besuchen.

Damit wird ein bedeutendes Baudenkmal Hessens und eines der großen Museen Deutschlands der Öffentlichkeit wieder zugänglich sein. Sieben Jahre war das Haus geschlossen; fünf Jahre davon waren für die grundlegende Sanierung des Gebäudes und der technischen Ausstattung erforderlich, zwei Jahre für das Verlagern des Inventars.

Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein: „Das Landesmuseum Darmstadt ist nach seiner Sanierung zweifellos eines unserer kulturellen Flaggschiffe in Hessen. Ich bin sehr stolz auf das Geleistete. In Darmstadt steht das modernste Museum Deutschlands mit einer unglaublichen Bandbreite an Ausstellungen und Sammlungen. Hier kann künftig jeder Geschichte erleben, Kultur entdecken und Kunst genießen. Das Landesmuseum im neuen Gewand wird zum Besuchermagneten für Jung und Alt, weil es für jeden Anspruch etwas zu bieten hat.“

Das Museum wurde in den Jahren 1897 – 1902 nach den Plänen des Berliner Architekten Alfred Messel (1853 – 1909) erbaut und konnte 1906 eröffnet werden. Mit den um eine große zentrale Halle gruppierten Stilräumen und Sammlungssälen, den offenen Höfen, beziehungsreichen Durchblicken und einer Durcharbeitung bis in das letzte Detail galt das Haus damals als eines der schönsten und modernsten Museen in Europa. Wegen dieses Erfolgs wurde der Architekt zum Generalplaner der Berliner Museumsinsel ernannt, für die er selbst das Pergamon Museum entwerfen konnte.

Das Darmstädter Haus wurde nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, genau vor 70 Jahren, zwar weitgehend in den alten Formen, jedoch mit unzureichenden Materialien wieder aufgebaut. Mit den wachsenden Anforderungen an die technische Ausstattung wurde die schon schwache Bausubstanz weiter geschwächt und überformt, durch einen sich ändernden Geschmack die historischen Bauformen überdeckt und die Blickverbindungen verstellt, so dass der Besucher die vom Architekten vorgegebene Struktur nicht mehr wahrnehmen konnte. Aus der Notwendigkeit heraus, die Bausubstanz zu sanieren und die technische Ausstattung zu modernisieren, ergab sich die Möglichkeit, auch die alte Schönheit des Baus Alfred Messels rück zu gewinnen, die alten Raumfluchten, Blickverbindungen, Farbgestaltungen und Raumdekorationen wieder erfahrbar zu machen.

Alfred Messel war nicht nur Architekt, er entwarf bis in das kleinste Detail auch die Innengestaltung. Nach intensivstem Studium der Sammlungsbestände konnte so eine Harmonie zwischen den Ausstellungsobjekten, ihrer Präsentationsform und der sie umgebenden Architektur erreicht werden. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dies durch ein Konglomerat von Überbleibseln verschiedener Vitrinensysteme, selbst hergestellten Ausstellungsbehelfen und aus finanzieller Not geborenen Notlösungen ersetzt. All das entsprach in keiner Weise mehr den elementarsten konservatorischen Anforderungen und war in der Substanz abgängig. Die Sanierung der Museumsräume bot die Chance, die Aufstellung der Sammlungen neu zu ordnen, dabei den alten architektonischen Vorgaben zu folgen und gleichzeitig wieder eine einheitliche Ausstellungsarchitektur einzubringen, die sowohl den Räumlichkeiten als auch dem jeweiligen Charakter der Sammlungen entspricht. Diese Aufgabe meistert der Entwurf von Daniel Schiel und seinem Team von der Schiel Projekt Gesellschaft, Berlin, der sich an den sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten orientiert, den einzelnen Sammlungen Rechnung trägt, die heute erforderliche mediale Technik unaufdringlich integriert und dennoch als ein verbindendes Band überall im Haus wiedererkennbar bleibt. Dabei wird zu der historistischen Grundhaltung Messels bewusst ein sehr moderner Gegenpol gesetzt, der sich jedoch in der ästhetischen Qualität an den Vorgaben Messels orientiert.

Das spezifische Profil des Hessischen Landesmuseums Darmstadt ist seit über zweihundert Jahren unverändert. Es war nie ein Spezialmuseum, sondern stets ein Hort für viele Sammlungen aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten. Wurde im 18. Jahrhundert damit noch eine vollständige Darstellung des damaligen Wissens angestrebt, so stand in den folgenden 150 Jahren der Gedanke eines Zentralmuseums im Vordergrund, das die Objekte und Kunstwerke, die im Großherzogtum und im Volksstaat Hessen von musealer Bedeutung waren, aufnahm. Während in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage nach einem besonderen Profil des Museums keine große Rolle spielte, ist Profilschärfung heute innerhalb der reichen Museumslandschaft im Rhein-Main-Gebiet sehr wohl von Relevanz. Der einzigartige Charakter des Landesmuseums besteht in der Vielzahl und Breite seiner Sammlungen bei gleichmäßig hoher Qualität der Bestände. Dies soll bei der Neupräsentation deutlich werden. Fast alle Sammlungen des Hauses, wenn auch manchmal nur mit wenigen Stücken, sind präsent und in den Rundgang eingebunden. Dabei ist jede Sammlung in einer spezifisch unterschiedlichen Weise präsentiert, so dass sich dem Besucher ein steter Wechsel von Erlebnisräumen darbietet, ganz so, wie es in der Intention Alfred Messels lag.

Der Charakter der Erlebnisräume wird im Hauptgeschoss mit seinen Stilzimmern besonders deutlich. Rechts erstreckt sich die archäologische Raumfolge mit der Antikenrezeption, dem Säulenhof für das römische Bad Vilbeler Mosaik, dem römischen Gang mit der antiken Großskulptur und der Großen Halle, die als zukünftiger Ausstellungsraum klimatisiert ist. Auf der linken Seite führt der Romanische Gang mit mittelalterlicher Kunst zur Kapelle mit der kirchlichen Schatzkammer und der daran anschließenden weltlichen Schatzkammer mit der Decke aus dem Palazzo Medici- Pandolfini und dem originalen Zimmer aus dem Palazzo Pestalozzi in Chiavenna. Seitlich schließt sich der sogenannte Waffensaal an mit den Beständen verschiedener Zeughäuser, darüber das bürgerliche Kunsthandwerk des Barock mit den berühmten Darmstädter Wämsern. Allen diesen Räumen ist gemeinsam, dass mit der Vermischung verschiedener Kunstgattungen: Kunsthandwerk, Glasmalerei, Malerei und Skulptur, der thematische Ansatzpunkt denn Raumeindruck bestimmt. Im Norden des großen Foyers folgt die gänzlich neu gestaltete Zoologische Abteilung mit einer monumentalen Biodiversitätswand, einer Skelettherde und den frisch sanierten historischen Dioramen. Darüber die Sammlung zur Erd- und Lebensgeschichte mit den Funden aus der Grube Messel, dann das Geschoss für die Moderne mit den sanierten Räumen des Block Beuys und der Sammlung Simon Spierer und schließlich die Graphische Sammlung mit einem neuen Studiensaal. Seitlich führen vom Foyer zwei in die historische Architektur symmetrisch eingefügte moderne Treppen in das neue Tieffoyer. Die bislang nicht oder nur ungenügend vorhandenen Funktionsräume werden von hier erschlossen: die Garderoben, Sanitäranlagen, ein neuer Vortragssaal, Studienräume für die Museumspädagogik sowie das Café mit eigenem Außenzugang und der Museumsshop, ebenfalls und zwar auch als barrierefreier Zugang zum Museum mit eigenem Außeneingang. Die drei offenen Höfe des Museums, der Rodensteiner Hof als Freibereich des Cafés, der erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder öffentliche Gotische Hof und der überhaupt zum ersten Mal öffentlich gemachte Römische Hof mit einem Freilufttheater sind von hier aus zugänglich. Im Sockelgeschoss finden sich die erstmals ausgestellten Sammlungen zur Ägyptischen, Griechischen und Japanischen Kunst mit vielen Exponaten aus dem ehemaligen Wella-Museum, die Vor- und Frühgeschichte sowie die international berühmte Sammlung zum internationalen Jugendstil, allesamt in gänzlich neuer Präsentation. Hier beginnt nun auch der Übergang zum 1984 erstellten und jetzt sanierten Erweiterungsbau von Reinhold Kargel, der die Gemäldegalerie des Museums enthält. Die einstmals berühmte Darmstädter Gemäldegalerie, die in den letzten Jahrzehnten stets nur in Ausschnitten und an verschiedenen Stellen im Museum ausgestellt war, erhält hier auf fast 2.000 qm Fläche und in kolorierten Räumen wieder den Rahmen, der ihrem Rang in der deutschen Museumslandschaft gebührt.

In den Jahren der Schließung sind die Bestände des Landesmuseums nicht nur in zahlreichen Ausstellungen mit über 1,5 Millionen Besuchern auf der ganzen Welt gezeigt worden, sondern es wurde auch fast jedes Ausstellungsstück für die Neuaufstellung gereinigt, restauriert, neu präpariert und die Bilder teilweise neu gerahmt. Alle Objekte wurden durch LED Strahler in ein neues Licht gesetzt. Viele Stiftungen, Dauerleihgaben und Ankäufe haben die Bestände des Museums glücklich vermehrt und zahlreiche Stücke, die zuvor in den Magazinen lagerten, können nun erstmals in der Ausstellung gezeigt werden. Allen, die uns durch Stiftungen, Dauerleihgaben und finanzielle Unterstützung bei dieser großen Aufgabe geholfen haben, danken wir ganz herzlich, genauso wie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums, die unermüdlich an dieser riesigen Aufgabe gearbeitet und sie bewältigt haben.

Der Besucher wird sicherlich viele Objekte wiedererkennen, die er so aber vielleicht noch nie gesehen hat. Viele Objekte werden für ihn neu sein ebenso wie manche Raumeindrücke und die neue Präsentation. So bleibt es zwar das „alte“ Hessische Landesmuseum Darmstadt, aber eben transponiert in ein Museum des 21. Jahrhunderts und insofern auch ein „neues“ Hessisches Landesmuseum Darmstadt, das am 13. September 2014 für die Öffentlichkeit enthüllt wird.

Quelle: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

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