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American Heiner – Ein Mammut macht Geschichte


25. März 2022 - 16:34 | von | Kategorie: Ausstellung |
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Kaum einer weiß: Das Darmstädter Mammut ist Amerikaner und eine Sensation in der Geschichte der Paläontologie.

Die Ausstellung »American Heiner« geht der Geschichte dieses weltbekannten fossilen Elefantenskelettes nach, das nach seinem Entdecker Charles Willson Peale (1741-1827) auch »Peale’s Mastodon« genannt wird. Es ist das erste museal montierte Skelett eines fossilen Elefanten weltweit. Es kam es 1854 über Umwege nach Darmstadt und ist damit seit über 150 Jahren ein Darmstädter: ein echter »Heiner«!

Die Schau präsentiert anhand von Objekten aus der Kunst- und Naturgeschichte die Auswirkungen des Fundes auf die Forschungs- und Geistesgeschichte. Weltberühmte Gemälde wie Charles W. Peale »The Artist in His Museum« aus Philadelphia und »The Exhumation of the Mastodon« aus Baltimore sind erstmals in Europa zu sehen. Neben den amerikanischen Gemälden aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert, sind die originalen fossile Fundstücke zu sehen, mit denen die ganze Geschichte im achtzehnten Jahrhundert begann: Mastodon-Zähne, die 1740 durch einen französischen Militärangehörigen nach Europa gebracht wurden – heute die sogenannte »Mona Lisa« der Sammlung des Musée Histoire Naturelle Paris – und der Oberkiefer eines Mastodons, den der hessische Militärarzt Christian Michaelis in Philadelphia zu Charles W. Peal brachte.

Die Ausstellung wird durch verschiedene Elemente für alle Besucher*innengruppen anschaulich und sinnlich erfahrbar:
Großformatige Wandzeichnungen und Comic-Strips des Berliner Illustrators Niels Schröder erläutern die facettenreiche Geschichte des Darmstädter Mastodons und dessen historische Hintergründe. Diese Illustrationen erscheinen in einem Heft als Graphic Novel zusammengefasst, das als innovatives Vermittlungsmedium die Ausstellung begleitet.

Das eigens für die Schau angefertigte Modell eines Wasserrads, das von der Berliner Werkstadt für Skulpturen von Martin Elz hergestellt wurde, hat einen Durchmesser von 3 m und lässt sich motivisch auf das Gemälde »Die Ausgrabung des Mastodons« von Charles W. Peale zurückführen. Die Bergung des Mastodonskelettes gelang nämlich nur mithilfe eines ausgeklügelten Flaschenzugsystems, das den Wasserstand aus der mit Wasser gefüllten Mergelgrube in der Nähe von New York so senken konnte, dass das Freilegen der Mastodonknochen möglich wurde.

Die aufregende Entdeckung des Mastodons wird in kurzen Clips von fünf Kinderdarsteller*innen erzählt, die in die Rollen historischer Persönlichkeiten schlüpfen und in ihrer eigenen Sprache erzählen, wie die Geschichte ablief und welche Gefühle sie nebst all der Begeisterung und Aufregung rund um das Mastodon gehabt haben. Die auf kulturelle Inhalte spezialisierte Berliner Agentur art / beats hat diese Kurzfilme produziert.

Ein ganz besonderes Highlight in der Ausstellung ist das Modell zum »Big Bone Lick«, das mit höchster Präzision von Präparator*innen des Landesmuseums erstellt wurde. Das Modell visualisiert den einstigen Lebensraum des Mastodons. Der weiche und sumpfige Untergrund des Gebiets im heutigen Bundesstaat Kentucky hinterließ eine extrem ausgiebige Fossilfundstelle, weil neben dem Mastodon weitere Großsäugetiere einsanken und nicht mehr entkommen konnten. Neben dem Mastodon wurden hier Skelette von Riesenfaultieren, Wollhaarmammuts, Bisons und Pferden vorgefunden.
Von den fossilen Knochen dieser eiszeitlichen Megafauna leitet das heutige Naturschutzgebiet »Big Bone Lick« leitet seinen Namen ab.

Die Geschichte von Peale’s Mastodon ist eng mit der Geschichte der Vereinigten Staaten verbunden. Die Entdeckung von Mastodonknochen am Ohio River im Jahr 1739 löste im Laufe des 18. Jahrhunderts eine wissenschaftliche Diskussion in der Alten und Neuen Welt aus. Eine wichtige Rolle dabei spielte Charles W. Peale aus Philadelphia, der nicht nur ein gefragter Künstler, sondern auch ein geschätzter Naturaliensammler mit eigenem Museum war.

Sein Interesse am Mastodon wurde durch den hessischen Militärarzt Michaelis geweckt, der ihm im Jahr 1783 die ersten Knochen ins Atelier brachte. Als 1801 im Hudson River Valley fossile Knochen gefunden wurden, übernahm Peale mit seinem Sohn Rembrandt die Ausgrabungen und entdeckte die Reste von zwei Mastodonskeletten. Peale setzte aus diesen Knochen in Philadelphia ein Skelett zusammen, ergänzte fehlende Teile durch Holzrepliken, entwickelte ein Metallgerüst und präsentierte das Ergebnis zur großen Begeisterung des Publikums in seinem Museum.

Die Entdeckung des Mastodons erregte damals so großes Aufsehen, weil sie das gültige Verständnis über die Entstehung der Welt grundsätzlich in Frage stellte. Die fossilen Knochen waren ein offensichtlicher Beweis dafür, dass die Welt und mit ihr die Tierwelt einmal anders ausgesehen haben könnten. Ein unerhörter Gedanke. Denn noch immer war die biblische Überlieferung und die Lehre von der Entstehung der Welt als göttliche Schöpfung maßgeblich. Dieser entsprechend gingen die Wissenschaftler bei den ersten Knochenfunden Anfang des 18. Jahrhunderts noch davon aus, Knochen von Riesen vor sich zu haben. Das war eine durchaus naheliegende Schlussfolgerung, wenn man bedenkt, dass Riesen als real galten. Die Erkenntnis, dass es sich bei diesen Knochen um Fossilien eines ausgestorbenen Tieres handelt, war daher ein wissenschaftlicher Wendepunkt und der Beginn eines Prozesses, der 1859 zu der von Charles Darwin formulierten Evolutionstheorie führte.

Die Entdeckung von Peale’s Mastodon war auch für das Selbstbewusstsein der jungen amerikanischen Nation wichtig. Sie widersprach einer kruden wissenschaftlichen Theorie des 18. Jahrhunderts, die behauptete, die amerikanische Fauna sei als degeneriert anzusehen, weil es dort nur kleine, schwache Tierarten gäbe. Der berühmte Pariser Naturforscher Buffon hatte dies im Selbstverständnis der Überlegenheit des alten Europas gegenüber der Neuen Welt veröffentlicht. Obwohl diese scheinbar groteske Einschätzung unhaltbar war, nagte sie am Selbstwertgefühl der jungen amerikanischen Nation, die sich gerade politisch von England losgesagt hatte. In diesem Moment kam Peales Entdeckung des großen Mastodons genau richtig. Das Skelett bewies, dass es auch in Amerika große Tiere gab oder gegeben hatte. Daher waren seine Ausgrabung und seine Präsentation in Peales Museum Angelegenheiten von nationaler Bedeutung, an denen auch der amerikanische Präsident regen Anteil nahm. Thomas Jefferson war mit Peale persönlich bekannt und unterstützte das Projekt finanziell. Nach dem Tode Peales wurde es ruhiger um das berühmte Skelett. Es wurde verkauft und kam auf verschlungenen Wegen über Paris und London im Jahr 1854 nach Darmstadt. Hier fand es nach dem Bau des Museumsgebäudes von Alfred Messel 1906 in der Abteilung Erd- und Lebensgeschichte seinen festen Platz.

American Heiner
Ein Mammut macht Geschichte

25. März bis 19. Juni 2022
Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Bild: Wolfgang Fuhrmannek (HLMD)
Quelle: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

 

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