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Wissenschaftsstadt Darmstadt legt Bericht des „Runden Tisch Wald“, Bürgerbefragung zum Stadtwald und Waldzustandsbericht 2020 vor
21. Januar 2021 Umwelt

Umweltdezernentin Barbara Akdeniz hat nach dem am Mittwoch erfolgten Magistratsbeschluss  am Donnerstag (14.01.21) den Bericht des Gremiums ‚Runder Tisch Wald‘ und den Waldzustandsbericht 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Gremium war im August 2019 mit einstimmigem Beschluss der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung eingerichtet worden und hat sich unter dem Vorsitz von Stadträtin Akdeniz unter Einbeziehung verschiedener Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Naturschutzverbänden, Politik, Verwaltung und Umweltbildung am 17.10.2019 konstituiert.

„Wir haben in insgesamt 11 Sitzungen mit zahlreichen Fachvorträgen u.a. externer Referent*innen aus dem ganzen Bundesgebiet zu den Themen Waldzustand, naturnahe Waldbewirtschaftung, Biodiversität, Wasser, Jagd, externe Stressoren, Naturverjüngung, u.v.m. über 14 Monate lang gemeinsam partizipativ mit circa 25-30 Teilnehmenden intensiv geprüft, welche Konzepte sich im Stadtwald umsetzen lassen, welche Randbedingungen im komplexen Ökosystem Wald zu beachten sind und wie Prioritäten zu setzen sind, um den durch die Klimakrise stark belasteten Stadtwald zu erhalten und zu sanieren. Ich freue mich, dass es gelungen ist, nach fachlich tiefgreifender Arbeit einen durch das Gremium mit großer Mehrheit verabschiedeten Bericht vorzulegen“, so Umweltdezernentin Barbara Akdeniz.

In der Redaktionsgruppe des Runden Tisches maßgeblich mitgewirkt haben hierbei -neben der externen Moderatorin – Mitarbeitende des zuständigen Grünflächenamtes, Dr. Christian Storm als Delegierter der TU Darmstadt, Rainer Cezanne als Vertreter des Naturschutzbeirats und Dr. Patrick Voos, Referent für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz.

„Unser Stadtwald erbringt integrale Waldfunktionen, die Teil der unverzichtbaren Ökosystemdienstleistungen sind. Hierzu zählen Boden-, Schadstoff-, Klima-, Lärm- und Wasserschutzfunktionen aber auch Umweltbildungs- und Erholungsfunktion für die Bevölkerung sowie Naturschutzfunktionen. Dabei zeichnet den Stadtwald besonders aus, dass die meisten Bestände gleich mehrfache Ökosystemdienstleistungen auf den jeweiligen Flächen erbringen“ so Dr. Patrick Voos, Referent für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz. „Vor allem durch den Klimawandel aber auch Zerschneidungen, Schädlinge und weitere Schadauslöser ist der Stadtwald – wie im übrigen nahezu alle Waldgebiete in Hessen, Deutschland und Mitteleuropa – allerdings teilweise stark geschädigt. Gerade die heißen und extrem trockenen Sommer in 2018, 2019 und 2020 haben durch Trockenstress zu großen Schäden – vor allem im Westwald – geführt.“

Als eine zentrale Anregung des Runden Tisches wurde bereits in 2020 die erste dezidierte, engmaschige Erhebung des Waldzustands im Stadtwald durchgeführt. Es wurde hierfür ein dichtes Aufnahmeraster gewählt, um eine hohe Auflösung der Ergebnisse für die standörtlich und klimatisch sehr unterschiedlichen Waldgebiete des West- und Ostwaldes zu erzielen.

„Die  Ergebnisse sind leider nicht überraschend und dennoch alarmierend. Insbesondere im Westwald mit seinen sandigen Böden ist der Waldzustand in einem sehr kritischen Zustand“, so Stadträtin Akdeniz. „Sind im Ostwald noch insgesamt 55 % der erfassten Bäume ungeschädigt oder nur schwach geschädigt, fällt diese Bilanz für den Westwald nach inzwischen drei viel zu trockenen und heißen Sommern noch dramatischer aus: nur 33 % sind ungeschädigt oder nur schwach geschädigt, 40 % mittelstark, 18 % sind stark geschädigt und 9 % waren zum Zeitpunkt der Erhebung bereits abgestorben.“

Anke Bosch, Leiterin des Grünflächenamtes, weist weiterhin darauf hin, dass die Baumschäden in Teilen des Stadtwaldes zwar gravierend sind, dennoch aber auch eine Chance für die biologische Vielfalt darstellen. „Absterbende Bäume, stehendes Totholz oder liegende Stämme stellen für viele Tier- und Pflanzenarten einen wichtigen Lebensraum dar. In den zukünftigen, jährlich geplanten Erhebungen zum Waldzustand des Stadtwalds wollen wir weiterhin das Naturverjüngungspotential und Wildverbiss einbeziehen“.

Das Leitbild und die Handlungsempfehlungen nehmen eine konkrete Priorisierung der verschiedenen Nutzungen vor und zeigen auf, welche Maßnahmen notwendig sind, um den Stadtwald zu erhalten.

Hierzu erläutert Dr. Christian Storm: „Das Leitbild umfasst die Erhaltung des Stadtwaldes in seinem gegenwärtigen Flächenumfang und die Erhaltung beziehungsweise den Aufbau artenreicher, naturnaher Waldökosysteme, die stabil und anpassungsfähig sind und viele wichtige Funktionen für die Menschen erbringen. Einige Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele sind
der Schutz des Waldinnenklimas und des Bodens, die Stärkung der biologischen Vielfalt und die Förderung einer naturnahen Baumartenzusammensetzung mit erhöhten Anteilen alter, großer Bäume. Zur Sicherstellung einer ausreichenden Naturverjüngung muss die Rehwilddichte angepasst werden. Ergänzend wird die Einbringung vorrangig heimischer, klimaangepasster Baumarten vorgeschlagen. Aufgrund der teilweise deutlich sichtbaren Schäden im Wald ist es wichtig, nun Maßnahmen zur Stabilisierung des Stadtwaldes zu ergreifen, Eingriffe zu minimieren und größere Flächen aus der Nutzung zu nehmen. Die zeitnahe Beschlussfassung des Leitbildes und der Handlungsempfehlungen durch den Magistrat und die entsprechende Einbringung in die Stadtverordnetenversammlung begrüße ich sehr“.

„Das Leitbild und die daraus resultierenden Leitlinien und Handlungsempfehlungen sind unsere gemeinsame Basis im Umgang mit dem Stadtwald“, so Umweltdezernentin Barbara Akdeniz. „Nach Beschlussfassung müssen im nächsten Schritt die im Bericht gesetzten Leitplanken auf die einzelnen Bereiche des Stadtwalds zu übertragen und ein ganzheitliches Waldökosystemmanagement etabliert werden. Gleichzeitig wird das bereits in 2019 begonnene Moratorium fortgesetzt, wonach im Stadtwald ausschließlich Bäume aus Verkehrssicherungsgründen gefällt werden, nicht aus waldwirtschaftlichen Interessen.

Darüber hinaus wurde als weitere Sofortmaßnahmen bereits initiiert, dass zukünftig Totholz aufgrund seines vielfältigen Nutzens für Biodiversität, Humusaufbau und Wasserspeicherfähigkeit wo immer möglich im Wald belassen wird, dass Wegesperrungen von Nebenwegen und Trampelpfaden vorgenommen werden, um Verkehrssicherungsmaßnahmen auf das absolute Mindestmaß reduzieren zu können und dass notwendige Maßnahmen so bodenschonend wie möglich durchgeführt werden.

Ich möchte an dieser Stelle den Mitgliedern des Runden Tisches danken, die mit hohem Engagement und hoher fachlicher Expertise an diesem Dokument gearbeitet haben. Das Leitbild und die Handlungsempfehlungen stellen einen Paradigmenwechsel dar. Wir werden den begonnenen Weg fortsetzen – hin zur naturnahen Waldbehandlung – um unseren Stadtwald zu stabilisieren und an den Klimawandel anzupassen. Hierzu sollen nun auch die notwendigen organisatorischen, personellen und finanziellen Mittel bereitgestellt werden“, so Stadträtin Akdeniz.

Das Leitbild und die Leitlinien sollen nach Beschlussfassung gemeinsam mit den Erkenntnissen aus dem Waldzustandsbericht 2020 und der Bürger*innenumfrage die Grundlage für die Planung der gesetzlich vorgeschriebenen nächsten Forsteinrichtung (10 jährige Betriebsplanung) für die Planungsperiode 2023 – 2033 sein.

Hintergrund:

Am 29.08.2019 hatte die Darmstädter Stadtverordnetenversammlung die Errichtung eines Runden Tisches Wald beschlossen (MV-2019/0198). Dieses Gremium hatte sich unter dem Vorsitz von Stadträtin Barbara Akdeniz am 17.10.2019 konstituiert und in der gemeinsam erarbeiteten Geschäftsordnung (MV-2019/0360) als Ziel die Erstellung des hier vorgelegten Berichts gesetzt, welcher dann dem Magistrat, der Stadtverordnetenversammlung beziehungsweise der Bürgerschaft der Stadt Darmstadt zur Verfügung gestellt werden soll, um politische und Verwaltungsentscheidungen vorzubereiten und zu unterstützen. Neben der Entwicklung eines Leitbildes für den Stadtwald sollten auch Vorschläge erarbeitet werden, wie ausgehend vom heutigen Zustand dieses Leitbild verwirklicht werden kann. Dabei sollen Empfehlungen zum Waldmanagement gegeben werden, aber auch zur Erhaltung des Waldes und zur Reduktion von externen Stressfaktoren.

Den Sitzungen des Runden Tisches Wald ging eine öffentliche Auftaktveranstaltung am 23.09.2019 voraus. Parallel zur Arbeit des Runden Tisches wurde vom Grünflächenamt in Zusammenarbeit mit der Hochschule Darmstadt sowie dem Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung eine Bürgerbefragung zum Stadtwald Darmstadt durchgeführt (MV-2019/0286). Im Januar 2020 wurden insgesamt 5.000 Fragebögen an repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Darmstadt versandt. Von den 5.000 versendeten Fragebögen wurden 1.094 zurückgesendet, was einem Rücklauf von 22 % entspricht.

Durch den Klimawandel ist der Stadtwald – wie nahezu alle Waldgebiete in Hessen, Deutschland und Mitteleuropa – teilweise stark geschädigt. Gerade die heißen und extrem trockenen Sommer in 2018, 2019 und 2020 haben zu Schäden im Stadtwald – vor allem im Westwald – geführt.
Sowohl der Forstwissenschaftler Herr Meining (Waldzustandsbericht; MV-2021/0005), als auch der Bericht des Runden Tisches Wald zeigen, dass für die großen Schäden in Teilen des Stadtwaldes in erster Linie die Klimakrise ursächlich ist, beziehungsweise dass diese klimatischen Veränderungen auf bereits geschwächte Ökosysteme mit beispielsweise ungünstigen geologischen Voraussetzungen treffen (Westwald auf Sand).
Messdaten des letzten 10-Jahres-Zeitraums (2010-2020) aus Darmstadt zeigen, dass im Sommerhalbjahr (April-September) deutlich weniger Niederschläge fielen und zugleich signifikant höhere Temperaturen (und damit Wasserverdunstung) zu verzeichnen waren (vgl. Kapitel 1.3.1 des Berichtes des Runden Tisches Wald). Die Schere zwischen beiden Klimafaktoren geht immer weiter auseinander. Dies führt in der für Bäume entscheidenden Vegetationszeit zu einem zunehmenden Wasserdefizit in den Böden und damit zu Dürrestress im Waldökosystem.

-> Waldzustandsbericht Darmstadt 2020 (PDF)

Quelle: Pressestelle der Wissenschaftsstadt Darmstadt

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