25 Jahre Schuldner- und Insolvenzberatung – 25 Jahre Intervention und Prävention


1. Oktober 2010 - 08:11 | von | Kategorie: Pressemitteilung | Artikel drucken
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Wir nehmen das 25-jährige Bestehen der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung zum Anlass, den öffentlichen Blick auf dieses wichtige, präventive und unterstützende Angebot der Wissenschaftsstadt Darmstadt zu lenken“, erklärt Sozialdezernent Jochen Partsch. „Dies ist besonders deshalb wichtig, da die Zahl überschuldeter Haushalt bundesweit so hoch ist wie noch nie und auch bei uns in Darmstadt die Zahl der Rat- und Hilfesuchenden kontinuierlich zunimmt. Im Jahr 2009 wurden 2.601 Beratungen bei einem Personalstamm von vier Personen durchgeführt“.

Das Statistische Bundesamt schätzte Anfang 2008 das gesamt Schuldnervolumen überschuldeter Haushalte in Deutschland auf 65 bis 70 Milliarden Euro. Dabei klammerte das Amt sogar noch große Schuldnergruppen wie Selbstständige und Hypothekenschuldner aus. Art und Höhe der Schulden sind sehr unterschiedlich, während die ältere Generation ( 65- bis 70-jährige) die höchsten Schulden bei Versandhäusern hat, laufen z. B. bei Alleinerziehenden die höchsten Mietrückstände auf.

„Besonders gefährdet sind Alleinerziehende, Arbeitslose, Paare mit drei oder mehr Kindern“, ergänzt Barbara Akdeniz, Leiterin des Amtes für Soziales und Prävention. „Arbeitslosigkeit und die Auflösung von gemeinsamen Haushalten durch Trennung sind in nahezu jedem zweiten Fall nach einer Datenerhebung der Schuldnerberater die Hauptauslöser der Überschuldung.“

In der Regel werden die Beratungsgespräche reaktiv in Anspruch genommen, also erst dann, wenn bereits eine Überschuldung vorhanden ist. Präventive Angebote sind demnach, so Partsch, von besonderer Bedeutung. Beispielsweise sei das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen kritisch zu hinterfragen und der richtige Umgang mit Geld könne durch präventive Maßnahmen erfolgreich geübt werden. „In Schulcurricula gehört meiner Ansicht nach auch ein geschultes Verbraucher- und Verbraucherinnenverhalten. Finanzielle Bildung zu stärken, kann laut Auffassung hauptamtlicher Schuldnerberatungsstellen in nahezu jedem zweiten Fall die Überschuldung vermeiden. Präventive Angebote zu verstärken muss unser Ziel sein, das ist nicht nur volkswirtschaftlich von großer Bedeutung, sondern würde auch individuell viele Familientragödien abwehren.“

Dass Schulden und Armut eng verknüpft sind, zeigt der IFF-Schuldenreport des Instituts für Finanzdienstleistung e.V. von 2009. Die Einkommensstruktur überschuldeter Haushalte bewegt sich bei unter 40 Prozent der Einkommen, die in der Bevölkerung durchschnittlich erzielt wurden. „In diesem Kontext ist es einmal mehr unverständlich, dass sich die gerade bekannt gegebene Neufestlegung des Regelsatzes für SGB II-Berechtigte an der desolaten Einkommenslage der Geringverdienenden in unserer Gesellschaft bemisst. Anstatt die Debatte für einen adäquaten gesetzlichen Mindestlohn aufzugreifen und die Wirtschaft aufzufordern, die Löhne und Gehälter gemäß dem Wirtschaftswachstum anzupassen, orientiert sich die Bundespolitik bei der Frage von menschenwürdiger Existenzsicherung am unteren Einkommensfünftel der Bevölkerung“, konstatiert Jochen Partsch. „Die Korrelation von Armut und Überschuldung muss unterbrochen werden. Die Veränderung des Konsumverhaltens ist eine wichtige individuelle und präventive Aufgabe. Die Schaffung Existenz sichernder, ausreichender Einkommensverhältnisse hingegen ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der zum Rückgang von Überschuldung führen wird. Wenn eine Alleinerziehende am Ende des Monats nicht mehr weiß, wie sie ihre Kinder gesund ernähren und gleichzeitig eine defekte Waschmaschine ersetzen soll, ist Überschuldung vorprogrammiert“, kritisiert Partsch mit Blick auf die verkündete minimale Regelsatzerhöhung in Höhe von 5 Euro.

„Auch in Darmstadt wird die Anfrage nach Schuldner- und Insolvenzberatung noch steigen“, prognostiziert Thomas Zipf, Leiter der Schuldnerberatungsstelle. „Nach erfolgreicher Krisenhilfe müssen derzeit Betroffene auf eine umfassende intensive Beratung mit dem Ziel einer Schuldenregulierung oder auch einem Insolvenzverfahren über vier Jahre warten. Deshalb ist die sehr gute Kooperation zwischen der Wissenschaftsstadt Darmstadt und den Trägern in der AG Schuldnerberatung ein effektiver Zusammenschluss, der Synergien bildet, die den Menschen zugute kommen.“

„In der psychisch höchst belastenden Situation bei Überschuldung kommt den Beraterinnen und Beratern auch eine pädagogische Aufgabe zu. Es geht nicht nur um Schuldenregulierung und Privatinsolvenzanmeldung, sondern auch um die psychosoziale Begleitung und Stabilisierung von Familien“, fügt Akdeniz hinzu. „Niemand lebt mit Schulden glücklicher als ohne, die Belastungen sind teilweise enorm hoch und der Druck psychisch sehr belastend. Dies wirkt sich selbstverständlich auch auf die Dauer und die Qualität der Beratungsgespräche aus.“

Sozialdezernent Jochen Partsch resümiert: „Die Arbeit der kommunalen Schuldner- und Insolvenzberatung ist unverzichtbar und von großer Bedeutung für die Menschen in unserer Stadt und wird auch noch viele Jahre Bestandteil unserer Dienstleistungsstruktur sein. Eine Erweiterung in Richtung präventive Bildungsangebote wird unser Schwerpunkt in kommenden Jahren sein“.

Quelle: Stadt Darmstadt – Pressestelle – Pressedienst

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