Deutschlands erste und führende Frauenärztin kam aus Darmstadt


12. September 2013 - 07:36 | von | Kategorie: Kultur | Artikel drucken
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Zum 225. Geburtstag der Darmstädter Frauenärztin Charlotte Heidenreich von Siebold am Donnerstag (12. September 2013) erinnert Darmstadts Frauendezernentin Barbara Akdeniz an die bedeutende Frauenarzt-Pionierin, Ärztin für Geburtshilfe und Hebamme, die „eine vorbildliche, fortschrittliche und moderne Frau, engagierte Verfechterin der sozialen Rechte und Vorkämpferin gegen die Armut war. Sie war damit ihrer Zeit in ihrem Denken und Handeln weit voraus. Charlotte Heidenreich von Siebold gehörte neben Luise Büchner zu den herausragenden Darmstädter Frauenpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts und gilt als eine mutige Frauenrechtlerin der ersten Stunde.“

Geboren wurde Charlotte Heidenreich von Siebold, die als erste Frauenärztin Deutschlands gilt, vor 225 Jahren am 12.September 2013 in Heiligenstadt, sie starb am 8. Juli 1859 in Darmstadt. An sie erinnert heute im Woogsviertel noch die Heidenreichstraße.

Sozial- und Jugenddezernentin Barbara Akdeniz hebt besonders ihr starkes sozialpolitisches Engagement hervor: „Charlotte Heidenreich von Siebold machte sich für die Armen stark. Ihre aufopfernde und segensreiche Arbeit für Arme und Notleidende und für die Rechte der Frauen ist heute noch aktuell und ein leuchtendes Vorbild für uns alle.“

Zur Person Charlotte Heidenreich von Siebold: Sie entfaltete in Darmstadt eine rege Tätigkeit: Ihr hervorragender Ruf als Frauenärztin, Geburtshelferin und Hebamme drang bis an den englischen Hof nach London. Kein Wunder, dass sie häufig an Fürstenhäuser des In- und Auslands berufen wurde. 1811 ging Charlotte nach Göttingen und genoss den Unterricht bedeutender Mediziner wie Osiander, Blumenbach und Langenbeck im Privatunterricht. Nach ihrer Studienzeit legte sie 1814 eine Prüfung ab und erhielt die herzogliche Erlaubnis zur Ausübung der Geburtshilfe in Darmstadt und Umgebung. 1815 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Entbindungskunst. Heidenreich von Siebold scheute sich nicht, ihren Lehrer Osiander, einen bekannten Mediziner und Geburtshelfer Göttingens, öffentlich in ihrer Dissertation mit Blick auf dessen Gebrauch von Zangen während der Geburt zu kritisieren. Sodann legte sie vor dem Großherzoglichen Medicinal-Collegium in Darmstadt die Prüfung als Geburtshelferin ab (am 12.11. 1814). Zurück in Darmstadt, arbeitete sie in der Entbindungsanstalt ihrer Eltern. Sie praktizierte als anerkannte Frauenärztin in Darmstadt und gab Unterricht für Hebammen und kümmerte sich aufopferungsvoll um Arme, außerdem sammelte sie Geld für das Darmstädter Bürgerhospital. Durch ihre fürsorgliche Art und vor allem durch ihr hohes Maß an Wissen und Kompetenz gewann sie weit über Darmstadts Grenzen hinaus große Bekanntheit. 1819 war sie es, mit deren Geburtshilfe die später so berühmte Königin Victoria in England gesund zur Welt kam. Bereits 1817 gehörte sie abermals zu den Vorreiterinnen, als sie – damit zweite Frau, der dies gelang – in Darmstadt erfolgreich als Doktorin der Geburtshilfe promovierte. Titel ihrer mit Beifall bedachten Dissertation: “Über eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter und über eine Bauchhöhlenschwangerschaft insbesondere”. 1829 heiratete sie, mit 41 Jahren für die damalige Zeit überaus unkonventionell, einen dreizehn Jahre jüngeren Mann, den Oberstabsarzt Dr. Heidenreich.

Trotz ihres guten Rufs in höchsten Adels- und Königskreisen waren ihr die Armen ein Herzensanliegen: So gründete sie 1845 in Darmstadt eine Einrichtung zur Geburtshilfe für arme Bürgerinnen. Schon 1823 veranstaltete sie eine Sammlung bei Freunden und Bekannten, um Geld für das schlecht ausgestattete Bürgerhospital zu sammeln. Dadurch konnte ein Anbau an das bestandene Krankenhaus im Jahr 1829 finanziert werden, welches dann von 36 Betten auf 126 Betten aufgestockt wurde. Sie kümmerte sich und behandelte all ihre Patienten mit der gleichen Sorgfalt, widmete sich zeitlebens nicht zuletzt den in Armut lebenden Wöchnerinnen. Heidenreich von Siebold handelte nach der Erkenntnis, dass hier medizinische Hilfe bei weitem nicht ausreichte, sondern, dass es darauf ankomme, der materiellen Not konsequent entgegenzuwirken. Sie half hier etwa mit Nahrungsmitteln und Wäsche. 1845 gründete sie in Darmstadt ein geburtshilfliches Institut für arme Bürgerinnen, das allein durch Spenden ermöglicht wurde. Dieses Haus verstand sich als Ort für arme Frauen, in dem die Betroffenen in guter Umgebung und medizinisch betreut ihr Kind zur Welt bringen konnten. Auch Nichtschwangere kamen hier bei Frauenkrankheiten in den Genuss einer Behandlung, die sie sich sonst nicht hätte leisten können.

Nach ihrem Tod 1859 begründeten daher Darmstadts Frauen zu ihrem Andenken die “Heidenreich-von-Siebold-Stiftung” zugunsten der armen, insbesondere “verschämt-armen” Wöchnerinnen. Diese nach ihr benannte Stiftung ging später in der Darmstädter Stiftung für Wohltätigkeitszwecke auf. Seit 2006 gibt es an der Medizinischen Universität „ihrer“ Universität Göttingen ein Heidenreich von Siebold Programm zur Förderung von Wissenschaftlerinnen.

Mit 71 Jahren verstarb Charlotte Heidenreich von Siebold am 8. Juli 1859 in Darmstadt. Sie fand auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhestätte.

Quelle: Pressestelle der Wissenschaftsstadt Darmstadt

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