Vor 100 Jahren: Die erste Ingenieurin Deutschlands


18. Juni 2013 - 07:34 | von | Kategorie: Wissenschaft | Artikel drucken
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Jovanka Bontschits / Archiv TU DarmstadtVor genau 100 Jahren schloss erstmals in Deutschland eine Frau ihr Studium als „Dipl.-Ing.“ ab: Am 18. Juli 1913 verlieh die Technische Hochschule Darmstadt den Titel „Diplom-Ingenieur“ an Jovanka Bontschits. An prominenter Stelle hob eine zeitgenössische Illustrierte sie als „Fräulein Ingenieur“ und als erste Dame hervor, die in Deutschland diesen Titel erhalten habe. Aktuell werden jährlich rund 80 junge Frauen an der TU Darmstadt in einem technischen bzw. naturwissenschaftlichen Fach promoviert.

Jovanka Bontschits (geb. 5. Juli 1887) war aus Serbien zum Architekturstudium nach Darmstadt gekommen. Hier studierten vor dem Ersten Weltkrieg sehr viele ausländische Studierende, besonders aus Osteuropa. Zu dieser Gruppe gehörten auch einige Frauen, neben Jovanka Bontschits zum Beispiel auch Irena Galewska-Kielbasinski, die ihre Diplomprüfung in Chemie nur ein Semester später ablegte. Für diese Frauen bedeutete der Besuch einer deutschen Hochschule, einem doppelten Fremdheitsgefühl ausgesetzt zu sein. Zum einen, weil sie in einem fremden Land studierten, und zum anderen, da sie in ihren Fächern absolute Ausnahmeerscheinungen waren. Die Studienbedingungen und ihre Absicht, nach dem Studium in ihre Heimatländer zurückzukehren, stärkte ihre Durchsetzungskraft offenbar, schließlich zählen sie zu den ersten Frauen, die in Deutschland reguläre Diplomprüfungen bestanden haben.

Die Rückkehr in ihre Heimat begründet aber auch, weshalb sie innerhalb Deutschlands nicht als Pionierinnen des Ingenieurberufs für Frauen gelten und ihrem erfolgreichen Beispiel nur zögerlich gefolgt wurde. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden darüber hinaus auch die Studierenden aus den kriegführenden Ländern von der Hochschule verbannt, weshalb auch Frauen aus Serbien und Russland nicht mehr dem Vorbild von Jovanka Bontschits und ihren Kommilitoninnen folgen konnten.

Nach sieben Semestern an der Universität in Belgrad wechselte Jovanka Bontschits zum Wintersemester 1909/10 an die TH Darmstadt. Bis zum Sommer 1913 studierte sie hier Architektur. Bis zu ihrer Diplom-Vorprüfung im April 1911 musste Bontschits ebenso wie alle ihre 357 männlichen Kommilitonen und ihre eine weibliche Kommilitonin (WS 1909/10) neben naturwissenschaftlichen Kenntnissen (zum Beispiel Mathematik, Physik, Chemie) auch Grundkenntnisse zum Beispiel in Hochbaukonstruktion, Bürgerlicher Baukunst, Ornamentzeichnen und Kunstgeschichte erwerben. Die folgenden vier Semester dienten der Vertiefung und Spezialisierung im Fach Architektur. Unterrichtsgegenstände waren einerseits die „klassischen“ Hochbau-Fächer wie Hochbaukonstruktion, Wohnbaukunst, Entwerfen von Gebäuden oder Ornamentik, weitere Schwerpunkte konnten im Bereich Kirchenbau oder Innendekorationen sowie im Städtebau gesetzt werden.

So wie die meisten ihrer 15 zum Diplom angemeldeten Kommilitonen wählte Bontschits als Thema ihrer Diplomarbeit einen öffentlichen Zweckbau, in ihrem Fall sollte es ein Schulgebäude sein. Dass Bontschits als mündliches Wahlfach den Städtebau wählte, beweist ihr offenkundiges Interesse für die „modernen“ Fachgebiete der Architektur. Schon ihr Praktikum hatte sie im öffentlichen Bausektor, nämlich bei der serbischen Staatsbahn, absolviert. Für eine spätere Karriere im öffentlichen Dienst legte sie schon früh den Grundstein. Ob dies durch ihren Vater, der selbst als Richter im Staatsdienst tätig war, oder durch die eingeschränkten Tätigkeitsbereiche für Architektinnen bedingt war, lässt sich nicht mehr feststellen.

Ab 1923 arbeitete sie, nach Zwischenstationen in St. Petersburg und Kiew, für das serbische Bauministerium. Dort betreute Jovanka Bontschits Katerinitsch, wie sie seit ihrer Hochzeit mit dem Diplom-Ingenieur Andrej Katerinic hieß, zahlreiche große Bauprojekte. Zu diesen gehörten beispielsweise der Kursalon und ein Badehaus in Banja Koviljaca (1929-32), das Gebäude der Stadtverwaltung in Banja Luka (1930-38) und, entsprechend ihrer Vorliebe für Schulgebäude, die Gebäude für die Lehrerinnenausbildung (1933) und die Veterinärmedizin (begonnen 1939) an der Universität Belgrad. 1945 ging Jovanka Bontschits-Katerinitsch in den Ruhestand. Sie starb im Jahr 1966.

Ihr Name bleibt in Erinnerung: Mit dem „Jovanka-Bontschits-Preis“ ehrt der Fachbereich Material- und Geowissenschaften der TU Darmstadt jährlich herausragende Leistungen von Promovendinnen und Absolventinnen des Fachbereichs (mit 1.000 und zwei Mal 500 Euro dotiert). Und Ende 2013 wird eine Straße auf dem Campus TU-Lichtwiese nach Jovanka Bontschits benannt.

Quelle & Bild: TU Darmstadt

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