Ein bislang unbekanntes Gemälde von Hanna Höch wurde dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt zur Wiedereröffnung gestiftet


24. April 2012 - 07:51 | von | Kategorie: Kultur | Artikel drucken
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Hannah Höch - Herbst im Volkspark Jungfernheide - 1936Das  Hessische Landesmuseum Darmstadt hat als Stiftung ein Gemälde der Berliner Künstlerin Hannah Höch (1889 – 1978) erhalten. „In diesen Zeiten geringer Ankaufsetats für Museen“, so Museumsdirektor Dr. Theo Jülich, „ ist ein derartiges Geschenk ein besonderes Ereignis, wir freuen uns sehr.“ Das Gemälde ist dem Bruder der Künstlerin gewidmet. Seit Ende der 1930er Jahre blieb es – bis zur Schenkung an das HLMD – in Essener Privatbesitz. Es wurde bisher nicht publiziert. Es wird der Öffentlichkeit erstmals zur Wiedereröffnung des Museums im Herbst 2013 präsentiert.

Hannah Höch gehört zu den herausragenden deutschen Künstlerinnen der Weimarer Republik. Ausgebildet an der Kunstgewerbeschule Berlin fand sie während des Ersten Weltkrieges engen Kontakt zur Berliner Avantgarde, im Besonderen zu den künstlerisch subversiven dadaistischen Zirkeln um Raoul Hausmann. Sie war Teilnehmerin der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 in Berlin und schuf in der Folge Fotocollagen und -montagen, die zum Schwerpunkt ihres Schaffens wurden. Künstlerisches Selbstbewusstsein in einer von Männern dominierten Kunstszene, beißende Kritik an der Weimarer Gesellschaft und formale Avantgarde verbanden sich in ihrem Werk zu einem für die damalige Zeit explosivem Gemisch. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 galt ihr Werk als „entartet“, Hannah Höch erhielt Ausstellungsverbot und zog sich in die innere Emigration zurück. Sie arbeitete und lebte bis zu ihrem Tode weiterhin in Berlin.

Neben den Fotocollagen umfasst ihr Werk Graphiken und Gemälde. Ein offener Stilpluralismus belegt ihre vielfältige künstlerische Experimentierfreude. Besonders in den 1930er Jahren entstehen Gemälde aus der Haltung einer inneren Emigration heraus, die symbolistische Anklänge, aber auch – im Vergleich zu den früheren Collagen – vordergründig ‚harmlose‘ Motive zeigen.

Auf unserem Gemälde ist eine Ansicht des Berliner Volksparks Jungfernheide zu sehen, der sich nicht weit von ihrem späteren Wohnhaus in Berlin-Heiligensee befindet. Der unprätentiöse Blick über das Ufergeländer auf eine menschenleere städtische See- und Parklandschaft verbindet Sachlichkeit und kontraststarke Lichtführung mit einem zurückhaltenden bis frischen Farbspektrum. Das Bild ist fast ausschließlich gespachtelt und sicherlich vor Ort entstanden. Die Komposition erscheint dennoch sehr konstruktiv in der Aufteilung von Vorder- und Hintergrund. Der Spachtelauftrag ist formzusammenfassend und ruhig, die mit dem Pinselgriff in die Farbe vorgenommenen Einritzungen belegen aber auch eine leichte nervöse Skizzenhaftigkeit, die der ruhigen Landschaftsszenerie entgegensteht. Stilistisch vergleichbare Werke wie das Gemälde „Angst“ von 1936 weisen gerade für dieses Jahr auf eine sehr angespannte Situation der Künstlerin hin. Es ist die Zeit zwischen der Trennung von ihrer langjährigen Lebensgefährtin Til Brugman im Jahr 1935, ihrer Vermählung mit dem einundzwanzig Jahre jüngeren Kurt Matthies 1938 und den in diesen Jahren besonders extremen nationalsozialistischen Anfeindungen als „Kulturbolschewistin“ und Beobachtungen durch die Gestapo.

Mit diesem Gemälde kann das Hessische Landesmuseum Darmstadt seinen Bestand der Stadtbilder der 1920er und 1930er Jahre durch ein seltenes und für das künstlerische Schaffen Hannah Höchs wichtiges und vielschichtiges Werk ergänzen. „Es ist zudem für die Sammlung das bisher einzige Gemälde, das einen künstlerischen Standpunkt aus den Jahren der inneren Emigration im „Dritten Reich“ belegt – eine wertvolle Bereicherung.“, sagt Dr. Klaus-D. Pohl, Oberkustos für das 19. – 21. Jahrhundert am HLMD.

Bild:
Hannah Höch (1889 Gotha -1978 Berlin)
Herbst im Volkspark Jungfernheide
1936
Öl auf Leinwand; 65,8 x 67,8 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Foto: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Quelle: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

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