Sibylle Lewitscharoff als „bodenständige Erzählerin von himmelweitem Horizont“ geehrt


3. Oktober 2011 - 11:39 | von | Kategorie: Kultur | Artikel drucken
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Sibylle Lewitscharoff - Bild: Wikipedia-Benutzer Amrei-MarieOberbürgermeister und Kulturdezernent Jochen Partsch hat am Montag (03.10.11) in Darmstadt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff mit dem Ricarda-Huch-Preis 2011 ausgezeichnet. Während der Feierstunde in der Centralstation überreicht er den mit 10.000 Euro dotierten Preis. „In diesem Jahr ehrt die Stadt Darmstadt mit den Worten der Jury `eine bodenständige Erzählerin von himmelweitem Horizont, die die ältesten Themen der Literatur und die modernen Traditionen des Romans zu einer kraftvollen neuen Synthese führt´. Mit dem Ricarda-Huch-Preis werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet, die die Ideale der Humanität und Völkerverständigung als Werte der historisch-kulturellen Identität der europäischen Gesellschaft fördern. Sibylle Lewitscharoff ist die dritte Frau – nach Herta Müller und Hanna Krall –, die den nach der Schriftstellerin Ricarda Huch benannten Preis erhält. Lewitscharoff entspricht in ganz besonderer Weise den Anforderungen, den die Stadt mit dem Preis verknüpft. Denn als die Stadt Darmstadt den Preis 1978 ins Leben rief, sollte nicht nur eine Dichterin geehrt werden, sondern auch eine tapfere Frau, die in Wort und Tat gegen die Unterdrückungspraktiken eines totalitären Regimes gekämpft hat, gegen die Nazis. Auch sollte das Gedächtnis an eine Autorin wach gehalten werden, die gleich nach dem Krieg gegen die Teilung Deutschlands agiert und die die deutsche Sprache als ein einigendes Band verstanden hat. Nach der Modifizierung des Preises 1992 stehen die Preisträger für unabhängiges Denken und mutiges Handeln; für das Eintreten für Emanzipation, freiheitliche Grundsätze und Völkerverständigung – Werte, die für eine demokratische und tolerante Gesellschaft unerlässlich sind“, sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch bei der Verleihung.

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, studierte Religionswissenschaftlerin, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Zunächst arbeitete sie als Autorin von Radiofeatures und Hörspielen; sie hat ein Grammatik-Brettspiel erfunden. 1994 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „36 Gerechte“. Für ihren Roman „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. In den Jahren 2009 und 2010 stellte sie im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar eine Reihe Papiertheaterobjekte aus, die sich auf deutsche Literaten beziehen wie zum Beispiel Goethe, Schiller oder Gottfried Keller. 2006 wurde ihr der Kranichsteiner Literaturpreis für das Buch „Consummatus“ verliehen. 2007 wurde sie mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, 2008 mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und 2010 erhielt sie den Berliner Literaturpreis. In diesem Jahr wurden ihr auch der Kleist-Preis und der Marieluise-Fleißer-Preis und eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis zugesprochen. Ihr jüngster Roman „Blumenberg“ erschien im September 2011.

„In ihren Romanen erweist sich Sibylle Lewitscharoff als eine der hintergründigsten, erfinderischsten und wortgewaltigsten Charakterdarsteller der jüngeren deutschen Literatur“, begründet die Jury. Und weiter: „Die hohe schriftstellerische Qualität und die von ihr gesetzten intellektuellen Impulse prädestinieren Sibylle Lewitscharoff in besonderem Maß für den Ricarda-Huch-Preis und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen.“

Der Darmstädter Jury für den Ricarda-Huch-Preis 2011, die am 30. Mai 2011 tagte, gehörten an: Oberbürgermeister a.D. Walter Hoffmann als Jury-Vorsitzender, Stadtverordnete Hildegard Förster-Heldmann als Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft, Stadtverordnete Irene Jost-Göckel als stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses, Felicitas von Lovenberg (unabhängige Literaturkritikerin) Richard Kämmerlings (unabhängiger Literaturkritiker), Daniela Wagner (MdB) und Brigitte Zypries (MdB).

Die Stadt Darmstadt vergibt den Ricarda-Huch-Preis seit 1978 alle drei Jahre. Errichtet in Gedanken an den Volkaufstand vom 17. Juni 1953 wurde der Preis zunächst verliehen für Werke literarischen Ranges, die das Bewusstsein der Deutschen von der Einheit ihrer nationalen Kultur wach hielten, die Gemeinsamkeit der Sprache und der kulturellen Überlieferung pflegten oder der Idee der Wiedervereinigung der getrennten Teile Deutschlands in Friede und Freiheit dienten.

1992 wurde der Preis modifiziert und erweitert. Ausgezeichnet werden mit dem Ricarda-Huch-Preis Persönlichkeiten aus Kunst oder Literatur, aus Wissenschaft oder Politik, deren Wirken in hohem Maß bestimmt ist von unabhängigem Denken und mutigem Handeln, verbunden mit einem uneingeschränkten Wirken für jene unveräußerlichen humanen, emanzipatorischen und freiheitlichen Grundsätze, die sich aus der europäischen Geschichte herleiten, die Ideale der Humanität und Völkerverständigung als Werte der historisch-kulturellen Identität der europäischen Gesellschaften zu fördern.

Die bisherigen Preisträger sind Friedrich Luft, Marcel Reich-Ranicki, Siegfried Unseld, Herta Müller, Martin Walser, Adolf Muschg, Alexander Kluge, Ignatz Bubis, Frantisek Cerny, Orhan Pamuk und Hanna Krall.

Bild: Wikipedia-Benutzer Amrei-Marie
Quelle: Pressestelle der Wissenschaftsstadt Darmstadt

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